An diesem Tag schrieb Faronthir in sein Notizbuch:
Was für ein Tag. Er fing so harmlos an, hatte ich mich doch für einige Tage in mein Haus zurückgezogen. Doch bei meinem Besuch in Bree am gestrigen Morgen hörte ich schon bald von einer Vergiftung der städtischen Brunnen. Nun hat das Wort „Gift“ dank der jüngsten Geschehnisse einen gewissen Nachklang für mich, und so versuchte ich, näheres zu erfahren.
Wie ich einem kurzen Gespräch mit einem genervt wirkenden Hauptwachmeister entnehmen konnte, waren tatsächlich die Brunnen mit einem unbekannten Gift versehen worden. Es gab einige schwere und auch leichtere Fälle von Vergiftungen. Ungefragt bekam ich außerdem noch den Hinweis, dass Elben scheinbar nicht davon in Mitleidenschaft gezogen wurden. Aber ehrlich gesagt, kam mir das nicht so verwunderlich vor, wenn ich an die gewöhnliche Widerstandskraft dieses Volkes denke.
Nun, ich stand noch so da, direkt vor dem Keilerbrunnen, als ich eine gewisse Unruhe wahrzunehmen glaubte. Ich konnte nicht den Finger darauf legen, wie man so schön sagt, aber irgendetwas lag eindeutig in der Luft. Also wanderte ich durch die Straßen und fand auch schließlich eine Gruppe von Leuten, unter denen sich auch Mitglieder der Sonnenwind-Sippe befanden. Ich stellte mich dazu und lauschte den Ausführungen. Anscheinend gab es tatsächlich so etwas wie einen Verdächtigen, einen Elb. Das machte mich stutzig, wie mich diese ganze Vergiftungsgeschichte schon stutzig gemacht hatte. Es wäre ja wohl das allerdümmste von einem elbischen Giftmischer, ausgerechnet ein Gift zu wählen, welches seinem eigenen Volk nicht schaden kann. Naja, egal.
Es hatten sich jedenfalls wohl zwei verschiedene Parteien in der Stadt gebildet. Beide wollten den Verdächtigen suchen, aber während die eine Gruppe ihn in sicheres Gewahrsam bringen wollte, war das Ziel der anderen Gruppe nichts anderes als Rache. Und beide Gruppen begannen damit, die Stadt zu durchkämmen. Ich beteiligte mich an der Suche, und natürlich war es mir daran gelegen, den Verdächtigen nur zu fangen und der Gerichtsbarkeit zu übergeben. Ich ging und gehe davon aus, dass seine Unschuld bewiesen werden kann, denn ansonsten ist die Geschichte irgendwie zu unlogisch.
Wo war ich? Ah, die Stadt wurde durchkämmt, und der Verdächtige wurde auch erwischt. Aber sofort drang der Mob von allen Seiten auf ihn ein, und der arme Kerl geriet in Panik. Es gelang ihm, ein weiteres Mal zu entkommen, aber weit kam er nicht. Glücklicherweise war es, sofern meine Informationen richtig sind, Silbion aus unserer Sippe, der den Elben fand. Ich schreibe von Glück, nicht weil es Ruhm und Ehre für uns bedeuten würde, sonder weil es ein Glück für den fremden Elben war. Hätten einige andere ihn zuerst entdeckt, würde er wahrscheinlich jetzt an einem Baum in Bree baumeln.
Nun, auch hier kam wieder ein Mob zusammen, doch zuvor waren bereits einige Vertreter der Stadtwache von Bree aufgetaucht. Sie bestanden darauf, den Elben in Schutzhaft zu nehmen. Es entstand eine kleine Diskussion, in die sich auch die üblichen Unruhestifter einmischten, aber schließlich wurde der Entschluss gefasst, den Weg der Schutzhaft einzuschlagen. Ich selbst hielt und halte dies auch für den vernünftigsten Weg. Im Gefängnisgebäude von Bree sollte der Elb einigermaßen sicher untergebracht sein, bis die nähren Umstände geklärt wurden. Und sollte sich herausstellen, dass er tatsächlich hinter all dem steckt, tja, so haben wir ihn direkt in Reichweite.
Da es nicht sehr weit zum Gefängnis war, verlief der Abtransport recht glatt, aber nicht unbemerkt. Es sammelte sich eine nicht zu verachtente Meute vor dem und auch im Gefängnis. Vertreter beider Lager waren anwesen, und die Luft roch nach Streit. Aber die Stadtwache, an dieser Stelle von mir ein großes Lob, blieb standhaft. Ich selbst allerdings verließ das Gefängnis schnell wieder. Die unglaubliche Ignoranz, ja ich möchte fast von Dummheit reden, die einige der Bree… wie heißt es eigentlich richtig? Breeler? Breenesen? Egal, jedenfalls scheint der geistige Horizon vieler an der großen Hecke, die um die Stadt verläuft, zu enden. Diese Leute sind für Argumente nicht zugänglich, sie wollen nur schnelle billige Rache… Ich dachte an den dunklen Feind, der nicht weit von meiner Heimatstadt entfernt in seinem verdorbenen Land lebt. Was hätte ihn dieser Anblick gefreut…
Vor dem Gefängnis macht ich mir erst einmal ein wenig Luft, und mir ging es wohl nicht alleine so, denn Lhin, die auch da stand, war ebenfalls alles andere als heiterer Stimmung. Sie zog parallelen zwischen den Geschehnissen, die unlängst unsere Sippe heimgesucht hatte und dem aktuellen Vorfall. Ich kann es mir, wie gesagt, bisher nicht vorstellen. Die Größenordnung und die Vorgehensweise passen einfach nicht ins Bild.
Anmerken möchte ich noch, wie mir meine schlechte Laune verdorben wurde, als es zu einer Diskussion zwischen zwei Bewohnern der Stadt auf der einen und Lhin und mir auf der anderen Seite kam. Die junge Frau, mit der Lhin zunächst diskutierte, hielt Bree wohl für den Nabel der Welt, und wurde von unserer werten Frau Federsturm in bildreichen Worten eines besseren belehrt. Der grobe Kerl, der noch übrig blieb, wurde ebenfalls in seine Schranken verwiesen, wollte aber kein Einsehen zeigen und wurde Lhin gegenüber frech. Leider zog er aber dann doch davon, bevor sie ihm gewisse Teile seiner Anatomie entfernen konnte. Ich bin ja nun nicht der blutrünstigste Mensch, aber immerhin hätten wir dann etwas zum Hängen… aber lassen wir das.
Ich bin, ein weiteres Mal, gespannt, wie es sich weiter entwickelt.