„Verdammt!“ Berriks Faust donnerte auf den Tisch, und die darauf befindlichen Figuren und Modelle schwankten. „Das ist doch Wahnsinn! Osgiliath ist nur noch die Leiche, das abgezehrte Knochengerüst einer Stadt! Es ist Wahnsinn, wieder und wieder Menschen in den Tod zu schicken, um sie zu halten!“
Die Augen aller versammelten Männer richteten sich auf den Mann in dem roten Waffenrock. In den meisten Augen konnte Berrik nur Ablehnung ob seiner Worte sehen. Einer sprach „Ihr vergesst wohl Herr Berrik, das die Brücken der Stadt die erste und beste Möglichkeit sind, um den Fluss zu überqueren. Wollt Ihr uns dieser Möglichkeit berauben?“
„Möglichkeit? Möglichkeit! Was denkt Ihr denn, welche Möglichkeiten wir noch haben? Glaubt Ihr ernsthaft, Gondor könne eine Streitmacht aufstellen, die es mit den Orks und Südländern jenseits des Flusses aufnehmen können? Nein, meine Herren, dieser Krieg hat uns längst in die Rolle eines absoluten Verteidigers gedrängt. Die Brücken, sagt Ihr? Ich sage, vernichten wir die Brücken, so kann der Feind nicht so einfach nachrücken und schweres Gerät mit sich führen! Orks sind nicht zu dumm, Boote einzusetzen, aber sie kämen bei weitem nicht so schnell und einfach herüber, und der Anduin wurde so manchen von ihnen verschlingen.“
Der Andere schüttelte den Kopf. „Es ist müßig, darüber zu diskutieren. Herr Denethor hat entschieden, und es ist nun an uns, seine Pläne umzusetzen.“
„Vielleicht hat der Herr Denethor sich geirrt.“ Berrik konnte geradezu fühlen, wie die Temperatur im Raum nach dieser seiner Bemerkung absank. Der andere Hauptmann betrachtete Berrik aus schmalen Augen. „Wir haben schon vernommen, wie oft Ihr Front gegen die Entscheidungen des Herrn Denethor macht, Berrik.“ Den Wegfall des Wortes Herr überhörte Berrik dabei nicht. „Vielleicht solltet Ihr überprüfen, wem Eure Loyalität gehört.“
Aus Berriks Gesicht wich sämtliche Farbe. Im Reflex legte er eine Hand auf den Griff seines Schwertes und trat einen Schritt auf den anderen Mann zu. „Was wollt Ihr damit sagen?“ Seine Stimme war leise, aber so scharf, man hätte Stahl damit schneiden können. Mit einiger Befriedigung erkannte Berrik, wie Angst in den augen des Anderen aufflackerte. „Wollt Ihr damit irgendetwas unterstellen? Dann sagt es geradeheraus.“ Sein Blick wanderte nun von einem zum anderen. „Meine Loyalität gehört Gondor, ganz Gondor, nicht einer einzelnen Person, sei es auch ein Truchsess. Und auch ein Truchsess ist nicht gegen Fehler gefeit. Ich sage, dieser Plan ist ein Fehler, und ich werde meine Männer nicht in den sicheren Tod schicken!“ Er trat gegen eines der Tischbeine, woraufhin das Modell der Ruinenstadt Osgiliath in sich zusammenfiel. Dann verließ er den Raum.
Etwas später wurde Berrik von seinem Knappen Wesley eingeholt. „Herr, Herr, ihr müsst eilen. Ich habe uns zwei Pferde besorgt. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es noch aus der Stadt!“ Völlig entgeistert wandte sich Berrik zu ihm um. „Junge, wovon redest du da? Die Stadt verlassen? Geht es dir nicht gut?“
„Herr, die anderen Hauptmänner… Ich hörte sie reden. Sie wollen Euch bei Herrn Denethor wegen Hochverrates anklagen. Vermutlich sind sie schon bei ihm. Ihr müsst fliehen, Herr!“
Einen Moment lang war Berrik wie betäubt. Das konnten sie doch nicht machen. Doch, natürlich konnten sie es. Sie waren mit Berriks Methoden nie einverstanden gewesen, der eine subtilere Art der Kriegsführung bevorzugte, als die meisten der anderen Hauptleute, die am liebsten mit der Keule der Brachialgewalt zuschlugen und dabei selbst hohe Verluste hinnahmen. In letzter Zeit war er ziemlich oft mit ihnen aneinandergeraten, und heute hatte er Stellung gegen den Truchsess selbst bezogen. Natürlich würden sie das ausnutzen, um ihn loszuwerden. Als Berrik endlich wieder klar denken konnte, hatte ihn sein Knappe bereits bis in den unteresten Ring der Stadt gelotst. Die beiden bestiegen ihre Pferde und verließen die Stadt durch das große Tor.