Die Geschehnisse der letzten Stunden waren beeindruckend. Ich werde aus Yarna immer noch nicht ganz schlau, statt Antworten erhalten wir nur immer mehr Fragen.
Zu bestimmten Zeiten, anscheinend immer dann, wenn Yarnas eigene Persönlichkeit ausgeschaltet ist, zum Beispiel aus Erschöpfung oder Schwäche, dringt der Geist einer anderen Person zu ihr durch. Ich benutze das Wort „Geist“, sowohl im Sinne eines bösen Geistes, als auch im Sinne von Gedanken eines noch lebenden Wesens.
Vor kurzem hatte Yarna wohl wieder einen dieser Anfälle, wobei Tulucam und Silbion zugegen waren. Die beiden hatten Yarna dann in Elronds Haus nach Bruchtal gebracht. Ich erfuhr dies erst, als ich auf dort auf die Gefährten traf. Ich hatte ursprünglich die Gelegenheit genutzt und einige Bücher in Herrn Elronds Bibliothek gesichtet.
Jedenfalls schien das Kind wieder ganz guter Stimmung zu sein und hatte erst einmal Hunger und Durst. In den wenigen Momenten, wo sie sich nicht vom Thema ablenken ließ, konnte sie uns nicht besonders viel mitteilen – oder vielleicht wollte sie es auch nicht.
Dass sie aus dem fernen Süden kommt, war uns schon so weit bekannt. Aber wie es scheint, wurde sie von ihrem Vater mitgenommen auf diese Reise, und ihre Mutter… Ich habe es nicht ganz verstanden, aber die Mutter wusste nichts davon, oder sollte es nicht wissen… Es klang in meinen Ohren irgendwie nach Flucht. Es war aber auch wirklich schwer, brauchbare Informationen zu sammeln. Zwar war Hell Tulucam so schlau, die Hobbits zwischendurch wegzuschicken, um etwas essbares für Yarna zu beschaffen. Dummerweise brauchten sie ihr auch einen Trank mit, der Alkohol enthielt, was wir erst richtig bemerkten, als das Kind auch schon wegzudösen begann.
Aber ich wäre nicht Faronthir, wenn ich nicht meinen Tränkebeutel mithätte. Ich habe in den letzten Monaten meinen Nüchtern-Trank immer wieder verändert und verbessert, also brachte ich ihn hier direkt zur Anwendung. Es gab eine nicht besonders hübsche Nebenwirkung, aber diese werde ich wohl auch noch ausmerzen können. Jedenfalls wurde ihr wohl recht übel von dem Trank und, auch wenn sie jetzt wach war, es war erst einmal an der Zeit, sie und die Stube zu säubern.
Das erwies sich als nicht gerade leicht. Ich wollte ihr das Gesicht abwaschen, aber ich glaube, das Kind hat in seinem kurzen Leben bereits zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Wieder einmal meinte sie, ich wolle nur an ihr „herumtatschen“, ich solle ihr den Lappen geben, damit sie sich selbst waschen konnte. Wieviel davon bloße Abwehrreaktion, Angst oder Erfahrung ist, kann ich nicht sagen. Aber dieses Mal ließ ich mich nicht davon verblüffen.
Es war interessant, wie schwer es ihr zu fallen schien, einfach einmal „Bitte“ zu sagen. Ich muss wohl nicht erwähnen, dass sie den Lappen NICHT von mir erhielt. Es entspann sich sogar ein regelrechter kleiner Kampf. Aber dieser Kundige hier ist ein sturer Kopf. Ich befand, dass es an der Zeit für Yarna war, endlich Kontrolle zu lernen. Kontrolle über ihre Fähigkeiten, aber vor allem zunächst Kontrolle über sich selbst. Und über ihr Mundwerk, welches gerne in Aktion gerät, ohne sich vorher mit dem Rest des Kopfes zu beraten.
Ich tat dies nicht, um sie zu quälen. Tatsächlich tut mir das Kind sehr leid. Und ich mache mir Sorgen. Sie verfügt über eine Begabung, aber sie kann nicht damit umgehen und ist eine Gefahr für sich und Andere. Diese meine Annahme verstärkte sich noch, als Yarna schließlich, wohl ausgelaugt von unserem Hickhack, in sich zusammensank. Und da war wieder dieser andere Person, die aus ihr sprach.
Leider machte ich den Fehler und ließ Silbion, welcher die ganze Zeit bei uns geblieben war, die anderen rufen. Ich hätte zunächst alleine mit dieser… anderen Person reden sollen. Aber irgendwie schien der Faden zwischen dem fremden Geist und Yarnas Körper schnell dünner zu werden und wieder zu reißen. Wieder wurde sie ohnmächtig.
Herr Tulucam konnte noch bei Herrn Elrond einige Erkundigungen einziehen, und der kleine Kreis der anwesenden Sonnenwindler machte sich noch weitere Gedanken, aber genaues wissen wir nicht. Und nach Harad reisen oder senden können wir auch nicht. Was ist nur zu tun?